All articles only available in German. Sorry!
3/27/2009

Chatprotokoll: Der Blick über den Tellerrand des Franchising

Bellone FRANCHISE CONSULTING GmbH

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Guten Morgen liebe Chat-Teilnehmerinnen und Chat-Teilnehmer. Ich freue mich auf einen anregenden Austausch mit Ihnen.

Leser:Guten Morgen Frau Professsor: Wäre 2009 der richtige Zeitpunkt, um seitens der Franchise-Verbände und mit Unterstützung der Politik eine große PR- und Veranstaltungskampagne für das „Gründen mit System“ zu initiieren?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Guten Morgen, lieber Chat-Teilnehmer. Eine sehr gute Idee. Vor allem, wenn man den Nutzen der Existenzgründung oder eines 2. Standbeins "mit System" herausstellt. Ich glaube, dass wir als Franchise-Insider noch zu stark davon ausgehen, Franchising wäre schon ein Begriff in der Gesellschaft bzw. in den avisierten Zielgruppen. Das meine ich auch mit dem "erweiterten Blick". Wir sollten nicht nur offener kommunizieren, sondern auch darstellen, was sich im Franchising alles verändert hat und verändern wird.

Leser:Sehr verehrte Frau Professor Bellone: Mir ist nicht ganz klar, worauf Sie mit dem Thema „Franchising, der erweiterte Blick“ hinaus wollen?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Danke schön. Es freut mich, dass Sie das fragen. Ich meine damit den Tunnelblick, den wir alle, die mit dem Franchising zu tun haben, oftmals erlangt haben. Alles ist im Fluss. Jede Branche zeitigt Veränderungen an und so gilt es, die Zeichen des Wandels im Franchising zu erkennen. Das fängt mit den Bedürfnissen der Konsumenten und Konsumentinnen wie Franchisepartner/innen an. Es gibt einen Generationenwandel und damit andere Werte und Einstellungen, die im Vordergrund stehen. Wir bewerben aber häufig unsere Franchise-Angebote mit den immer gleichen Argumenten. Ich denke, dass wir uns näher zum Markt bewegen müssen und andere Kooperationsformen auf deren Erfolgsfaktoren analysieren sollten, andere Märkte anschauen sollten usw.

Leser:Guten Morgen, in welcher Richtung wird sich die „Partnerschaft“ zwischen Franchisegebern und Franchisenehmern weiter entwickeln? Kommt es zu einem Umdenken?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Ich denke schon. Der "Wir-Gedanke" muss mehr verankert und gelebt werden - oftmals steht er als Floskel im Leitbild. Wenn man beobachtet, welche Bedeutung Online-Kommunikation, soziale Netzwerke bekommen haben - z.B. Facebook, 2004 gegründet, wird heute von 150 Millionen Menschen genutzt - dann sehen wir einen Wandel, der auch vom Franchise-Business aufgenommen werden muss. Für Systemverantwortlichen heisst das, dass verstärkt die Besonderheiten des Angebotes herausgearbeitet werden müssen, um im Bewerbermarkt als attraktiv zu gelten. Dabei wird zunehmend das Partnermarketing im Vordergrund stehen. Wie der Umgang mit den Partnern erfolgt, welchen Stellenwert man ihnen anräumt und welche Perspektiven im Rahmen des Franchisesystems bestehen.

Leser:Von mir auch einen guten Morgen an alle Teilnehmer: Wird es im Zuge der Wirtschaftskrise oder der anschließenden Erholungsphase zu einem Strukturwandel im Franchising kommen? Welches werden gegebenenfalls die entscheidenden Triebkräfte sein?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Franchisesysteme werden über Netzwerkbildung gehen müssen, um sich vor allem auf fremden Märkten zu etablieren. Ich denke, dass Co-Branding (zwei Markenanbieter arbeiten zusammen)und lose Kooperationen mit anderen Anbietern am Markt sehr wichtig werden. Dabei meine ich nicht, dass nur die Franchise- und Lizenzsysteme unter sich bleiben, sondern eine starke Filialkette mit einer Franchisekette kooperiert, wenn es um gemeinsame Standorte geht oder Produkt-Neuentwicklungen oder reine Promotionen. D.h., dass eine Waschsalonkette mit einer Partnervermittlung und einem Coffeeshop zusammenarbeitet und gemeinsame Events veranstaltet. Der Aspekt der Ganzheitlichkeit wird mehr betont werden, um dem Konsumenten/der Konsumentin Lösungen zu präsentieren und erlebnisreiche Angebote.

Leser:Wie schätzen Sie die Chancen zur Behauptung bestehender und der Erschließung neuer Marktfelder durch das Franchising ein?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Sehr gut, weil man im Franchising mit selbstständigen Unternehmern / Unternehmerinnen gemeinsam am Markt operiert. Eine dynamische Organisation, weil alle etwas bewegen wollen und müssen - die Franchisepartner/innen, weil sie in der Regel investiert haben und motiviert das Konzept realisieren wollen. Der Franchisegeber, weil er das System entwickelt hat und sich über die Gebühren finanzieren und die Kette up-to-date halten muss. Allerdings kann die angesprochene Dynamik nur eintreten, wenn auch entsprechende Tools zur Weiterentwicklung eingerichtet werden. Die Franchisepartner/innen sind Gratmesser am Markt. Sie bekommen veränderte Einstellungen, den Wettbewerb, neue Rahmenbedingungen 1:1 jeden Tag mit. Damit diese auch in entsprechender Form weitergetragen werden und eine pro-aktive Lösung für das System gefunden wird - bzw. man immer eine Nasenlänge voraus ist, braucht es Think Tanks, eine Ideenwerkstatt mit den Partnern. Das kann online und/oder physisch passieren. Quasi ein "Facebook" für das Franchisesystem - nur in strukturierter Form.

Leser:Ich sehe im Handwerk seit langem Kooperationsdefizite. Worauf ist die weithin skeptische Haltung der Handwerkskammern und Handwerksverbände gegenüber dem Franchising zurückzuführen?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Das richtet sich allgemein gegen die "Monokulturen", die Sorge, dass es eine groß Abhängigkeit der Betriebe von einem Anbieter gibt und es damit das individualisierte Angebot nicht mehr gibt. Franchising wird als zu große Einschränkung gesehen - der große Wert der Unterstützung in den Prozessabläufen und den administrativen Belangen sowie des gemeinsamen Einkaufs werden meist in zweiter Linie - wenn überhaupt gesehen. Es braucht sicher mehr Aufklärungsarbeit.

Leser:Inwieweit werden soziale Netzwerke im Internet für die Rekrutierung und Kundengewinnung im Franchising an Bedeutung gewinnen?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:In Blogs und anderen sozialen Online-Netzwerken werden nicht nur Produkte kritisch diskutiert, es wird zunehmend auch persönliche Eindrücke über das Bewerbungsprozedere und die Zusammenarbeit mit Franchisesystemen geben. Für Franchisesysteme kann das heißen, dass sie sich dem selbst stellen und eine Plattform einrichten, in den Fragen etc. diskutiert werden - auf jeden Fall muss man heute vermehrt gewappnet sein und das Für und Wider des eigenen Auftritts und der Systeminhalte einschätzen können. Das geht allerdings allen Unternehmen so. Beim Franchising besteht die Besonderheit immer darin, dass man zwei Märkte bedient, den Existenzgründermarkt und den der Nachfrager/innen. Und das ist eine große Herausforderung.

Leser:Hallo guten Morgen, ich bin seit kurzem mit einer Vermittlungsagentur für Heißluftballonfahrten und der Verkauf von Werbung auf Heißluftballonen + Heißluft-Luftschiffen selbständig. Können Sie mir bitte einen professionellen Rat geben, wie ich die Ballonkörbe fülle (Passagiere finde) und an Hauptsponsoren ( wäre für sämtliche Marken geeignet)herantrete um die große Werbefläche am HL-Ballon + Luftschiff professionell zu vermarkten. Freundliche Grüße Th. Reith

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Was erfüllt denn eine Ballonfahrt? Es ist die Veränderung der Perspektive. Mal nicht mehr den Blick für's Detail zu haben, sondern die Gesamtübersicht. Bertrand Piccard, der bekannte schweiz. Ballonfahrer hat in seinem Buch gesagt - in unserem Leben sind wir meistens damit beschäftigt, mit der Nase dicht am Teppichmuster unseres Lebens zu sein - es lohnt sich, einmal den Blick zu erweitern und die Zusammenhänge zu sehen. Welche Zielgruppe kann davon am meisten profitieren? Sicherlich solche, die beruflich den ganzen Tag mit Details beschäftigt sind - da finden Sie Controller, Zahntechniker, Goldschmiede, Geologen (!) - nur als Beispiel. Ich würde die Ballonfahrt nicht als solitären Event bieten, sondern einbinden in ein Workshop-Programm. Bieten Sie den Unternehmensverantwortlichen an, im Rahmen eines Workshops auf neue Ideen zu kommen für deren Geschäftsfeld. Sie können dazu doch auch mit einer Werbeagentur oder Unternehmensberatung zusammenarbeiten, die den Workshop-Part übernimmt. Natürlich können Sie so etwas einem Branchenverband ebenfalls anbieten, der damit über die eigene Branche hinausschauen soll - evtl. auch als Sponsor.

Leser:Sie sprachen soeben den derzeitigen Generationenwandel an. Auf welche Veränderungen sollten wir uns als Netzwerkanbieter im Franchising unbedingt einstellen?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Die Generationen heute pflegen z.B. einen anderen Umgang mit Vorgesetzten, sie sind lockerer - sie lehnen nicht ab, sie erwarten Erklärungen, Inspiration und Motivation, um sich integrieren zu können. Soziale Wärme, Zugehörigkeit, Ehrlichkeit sind wichtige Werte. Bezogen auf das Franchising heißt das, dass vielmehr vorgelebt werden muss, was man auch von anderen erwartet. Vorbilder als Orientierungshilfen werden immer wichtiger. Wenn von Partnern Offenheit und Vernetzung in der Region erwartet wird, dann ist das sicher auch für die Franchisezentrale wichtig, sich in der Branche zu vernetzen und dies den Partnern zu kommunizieren.

Leser:Sie sprechen die Chancen neuartiger Vernetzungen und Co-Branding an. Ich erlebe ständig, wie schwierig selbst simple Kooperationen zwischen zwei Unternehmen sind und habe Zweifel, ob die Zeit für Ihren wünschenswerten Ansatz reif ist.

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Die Angst ist meist die größte Blockade - weil man glaubt, andere könnten "Ideenklau" betreiben oder weniger in die Kooperation einbringen als man selbst. Das führt dann häufig dazu, dass umständliche Kooperationsvereinbarungen geschrieben werden, die die Motivation im Keim ersticken - bevor am überhaupt angefangen hat. Es braucht eine klare Definition der Leistungen eines jeden Kooperationspartners, des jeweiligen Nutzens daraus, der Zielkundschaft etc. und der gemeinsamen Vision. Häufig fehlt genau das Letztere. Was man gemeinsam günstigen Falls erreichen kann - quantitativ und qualitativ.

Leser:Werden die bisher eher kümmerlichen Internationalisierungsansätze im Franchising durch die aktuelle Krise gebremst oder gar zum Stillstand kommen?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Die Internationalisierung wird (oder sollte) sicher noch mehr auf die Chancen überprüft werden. Und dies nicht nur in Bezug auf die grenzüberschreitende Akzeptanz des Geschäftskonzeptes, sondern ebenso bezogen auf den möglichen Partner im Ausland. Was kann einem Masterpartner und/oder Joint-venture-Partner mit dem Franchisekonzept geboten werden. Auch hier gilt die Vorbildfunktion. Als Franchisegeber/in muss man sich vorerst auf dem Heimmarkt behauptet haben, um internationalisieren zu können. Die Herausforderung fängt hier an. Es wird sicher "eine Flurbereinigung" geben, aber ich bin sicher, dass gerade solche Systeme, die Franchising bewusst als innovative Kooperationsform leben, auch vermehrt ins Ausland gehen werden.

Leser:Ich rechne aufgrund der Wirtschaftskrise mit einer dauerhaften Änderung der Nachfragestruktur. Mich würde sehr interessieren, wie Sie die Auswirkungen einschätzen.

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Die Nachfragestruktur wird sich verändern - sie verändert sich ständig, aber in Krisenzeiten wird darüber mehr gesprochen. Es gibt Änderungen, die sich aus dem Überangebot am Markt ergeben, der Entwicklung benachteiligter Länder, der technologischen Errungenschaften und es gibt Änderungen, die sich insbesondere in Deutschland aus "staatlicher Steuerung" ergeben und einen Konsum-Hype z.B. in der Automobilbranche erzeugen sollen. Die Konsumschere wird nicht nur einkommensmäßig immer weiter auseinander gehen. Für die einen wird Konsum immer mehr Flucht aus dem Alltag bedeuten und für andere ein bewusster Prozess, der solche Anbieter bestraft, die nicht nachhaltig denken. Konsum als Betäubung und Machtinstrument sind sicher wichtige Treiber.

Leser:Im Gegensatz zu früheren Konjunktureinbrüchen können wir in der jetzigen Wirtschaftskrise noch keine Zunahme der Interessentenanfragen feststellen. Erwarten Sie in den kommenden Monaten mehr qualifizierte Kandidaten für die Franchise-Branche?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Wie schon in Antworten zuvor erwähnt, haben wir es auch vielfach mit einer anderen Generation zu tun, die anders angesprochen werden will und eine andere Erwartungshaltung hat. Kommt hinzu, dass die derzeitige Krise einen enormen Vertrauensverlust seitens der potenziellen Konsumenten/Konsumentinnen und Kooperationspartner/innen nach sich zieht. Wem kann man noch trauen? Das ist eine der Kernfragen. Was bringt mir das? Eine zweite wichtige Frage. Was bringt es der Gesellschaft? Eine Frage, die vielleicht noch nicht oft gestellt wird, aber zunehmend wichtiger wird. Franchisesysteme können eine adäquate Lösung für Existenzgründer/innen sein, weil sie viele Vorteile in der gemeinsamen Struktur haben. Aber jetzt kommt es darauf an, kenntlich zu machen, wo die Vorteile im einzelnen System liegen.

Leser:Ist zu befürchten, dass der besonders wachstumsstarke B2B-Bereich im Franchising aufgrund der geringeren Ausgabefreudigkeit der Unternehmen einen Dämpfer erhält?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Einen Dämpfer sicher, aber er wird noch wichtiger werden. Es ist eine Chance, sich über den eigenen Wert den Nutzen, Gedanken zu machen, um ein wertvoller Kooperationspartner zu sein.

Leser:Welche Franchising-Systeme werden von den aktuellen Konjunkturprogrammen besonders profitieren?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Ich sehe diese Programme sehr kritisch, da sie nicht nachhaltig - geschweige denn ganzheitlich ansetzen. Gewinner werden die Unternehmen sein, die die vorgenannten kritischen Selbstüberprüfungen und Modifizierungen vornehmen.

Leser:Kürzlich griff FranchisePORTAL in einem Sonder-Newsletter das Thema ‚Migranten und Aussiedler im Franchising’ auf. Was kann seitens des DFV und der Franchisesysteme getan werden, um verstärkt Menschen mit Migrationshintergrund für Franchising zu interessieren?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Vielleicht sollte vor Ihrer Frage geklärt sein, wie gut sich die Franchisesysteme auf diese potenziellen Partner eingestellt haben. Ein Arbeitskreis zur Ermittlung der Anforderungen und Bedürfnisse wäre wichtig, damit man auch eine passgenaue Ansprache erreicht.

Leser:Was können Franchise-Netzwerke im Handwerk tun, um mehr Partner zu gewinnen? Die geringere Internetaffinität der Handwerker scheint die Zahl der Anfragen zu begrenzen.

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Evtl. eine Roadshow. Wie es mobile Ausstellungswagen zur Vorstellung des Leistungsangebotes an Türen nd Fenstern gibt - so könnte man (nach vorheriger Ankündigung - die Adressen von Handwerksbetrieben in den Regionen sind erhältlich) Informationsblöcke einplanen, um potenziellen Partnern über das Produkt und den Markenauftritt das Konzept näher zu bringen.

Leser:Auf welchen Gebieten wird das Internet in Zukunft die Betreuung und Unterstützung der Franchise-Nehmer weiter vereinfachen und verbessern?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Das Internet wird für das gesamte Partnermarketing immer wichtiger werden und viele Prozesse transparenter machen. Vereinfachng und Verbesserung wird dann stattfinden, wenn die Vorlage - das Handling gut ist.

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Liebe Chat-Teilnehmer/innen - ich danke Ihnen für die spannenden Fragen. Ich wünsche Ihnen ein schönes Frühlings-Wochenende. Herzlichst Ihre Veronika Bellone

Glossar