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Franchise-Journal

Experten-Chat-Protokoll

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22.07.2011

First Franchise Friday

Herr Dr. Hubertus Boehm, SYNCON GmbH

  • Gemischte Filial- und Franchise-Systeme
  • Allgemeine Fragen zum Franchising

Herr Dr. Hubertus Boehm: Guten Morgen, liebe Chat-Teilnehmer, heute haben wir ein besonders interessantes Thema: Die Kombination eines Filial- und eines Franchise-Systems ist ein attraktives Konzept. Aus meiner Sicht ist jeder Filialist ein potenzieller Franchise-Geber ... und besonders erfolgreiche Franchise-Geber werden häufig zu Filialisten. Deshalb erwarte ich mit Spannung Ihre Fragen. Ihr Hubertus Boehm
Leser: Hallo Herr Dr. Boehm: Ist ein Mischsystem wirtschaftlich stabiler bzw. weniger krisenanfällig als ein Franchise-System?
Herr Dr. Hubertus Boehm: Ja, das muss wohl so sein. Konkrete Untersuchungsergebnisse dazu kenne ich allerdings nicht. Da aber ein Franchise-Nehmer insbesondere hinsichtlich der Personalkosten flexibler agieren kann als ein Filialleiter, kann er bei Konjunkturkrisen den "Gürtel enger schnallen". Außerdem bestärkt ihn der feste Wille, unter allen Umständen erfolgreich zu sein. In der Regel hat er sein gesamtes Vermögen in den Betrieb investiert und sich hoch verschuldet. Daher ist für ihn der wirtschaftliche Erfolg "alternativlos". Wenn also ein Mischsystem zu einem wesentlichen Teil aus Franchise-Betrieben besteht, müsste somit auch das gesamte Netzwerk besser durch die Krise kommen. Hinzu kommt ja noch, dass der Filialist zumindest einen Teil unwirtschaftlich gewordener Filialen umwandeln und somit "privatisieren" kann, weil ein Franchise-Nehmer häufig auch dort noch existieren kann, wo sich eine Filiale nicht mehr rechnet.
Leser: Guten Morgen, Herr Doktor Boehm: Welche weiteren Gründe gibt es für den Aufbau eines gemischten Filial- und Franchise-Systems?
Herr Dr. Hubertus Boehm: Mischsysteme haben zwei Quellen: Einerseits erschließen etablierte Filialisten durch Franchise-Betriebe Gebiete mit "dünnerem" Potenzial, andererseits investieren erfolgreiche Franchise-Geber ihre Gewinne durch Aufbau von Filialen in das eigene Vertriebssystem. In der Regel finden diese Unternehmer nirgendwo anders eine Anlage mit einer so hohen Rendite und Sicherheit. So hat z.B. OBI nach Aussagen des Gründers, Manfred Maus, noch nie einen Franchise-Vertrag abgeschlossen, wenn der Geschäftsplan des Franchise-Nehmers nicht eine Eigenkapitalrendite von mindestens 25 % auswies. Außerdem hat der Investor stets volle Transparenz und uneingeschränkten Zugriff auf sein Vermögen.
Leser: Lieber Herr Dr. Boehm: Vertreiben Mischsysteme ihre Produkte und Dienstleistungen üblicherweise unter derselben Marke?
Herr Dr. Hubertus Boehm: Ja, das ist so. In der Regel erkennt der Kunde den Unterschied gar nicht, wenn er nicht auf die gewerberechtlich vorgeschriebene Deklarierung des Inhabers an der Ladentür achtet. Der einheitliche und somit "große" Marktauftritt ist ja gerade ein Wesensmerkmal des Franchising - die konsequente Umsetzung des Corporate Design ein zentraler Erfolgsfaktor.
Leser: Welche Synergien kann ein gemischtes Franchise- und Filialsystem nutzen und wo liegen etwaige Reibungsverluste?
Herr Dr. Hubertus Boehm: Hier kann ich an den "großen" Marktauftritt anknüpfen. In der Summe ist die Zahl der Vertriebsstellen des Mischsystems größer. Die breitgestreute Präsenz des Mischsystems stärkt die Marktposition. Das kommt jeder einzelnen Vertriebsstelle zu gute. Da die Aktivitäten der Betriebe sowohl in einem Filial- als auch in einem Franchise-System gewöhnlich gegenüber den benachbarten Standorten abgegrenzt sind, werden Reibungsverluste an den Gebietsgrenzen minimiert. Generell wäre natürlich denkbar, dass in Krisen die Zentrale die eigenen Filialen bevorzugt, z.B. bei Lieferengpässen oder Promotions. Da eine Franchise-Partnerschaft stets aber langfristig ausgerichtet ist, wäre eine ungleiche Behandlung strategisch unklug. Anders ist es dagegen bei Modernisierungsinvestitionen. Ich denke hier z.B. an ein neues Warenwirtschaftssystem oder ein neues Corporate Design. Hier entscheidet der Franchise-Geber nach eigenen Vorstellungen und investiert aufgrund seiner Erfolgserwartungen in sämtlichen Filialen. Nach dem Vertrag ist zwar der Franchise-Nehmer gehalten, ebenfalls zu investieren. Oft ist er jedoch nicht von der Notwendigkeit überzeugt. Ein anderer Aspekt ist der systeminterne Wettbewerb der Filialleiter und der Franchise-Nehmer. Er äußerst sich inbesonders auf ERFA- und Jahrestagungen. Aufgrund ihres hohen Engagements neigen die Franchise-Nehmer dazu, sich als Elite im System zu sehen.
Leser: Aufgrund welcher Kriterien entscheidet die Geschäftsführung eines gemischten Systems, ob sie an einem neuen Standort einen eigenen Betrieb einrichtet oder aber einen Partner sucht? Welche Standortanalysen sind dafür notwendig?
Herr Dr. Hubertus Boehm: Hier entscheidet der Franchise-Geber nach eigenem Gusto - er hat die Systemhoheit. Es ist verständlich, wenn er an besonders markanten und / oder attraktiven Standorten Filialen platziert. Bei den sogenannten "Flagship-Stores" steht der Aspekt der Marktpräsenz und des Markenaufbaus im Vordergrund. Selbstverständlich wird die System-Zentrale in jedem Fall eine eingehende Standortanalyse vornehmen. Denn jede Fehlentscheidung bedeutet Kapitalverlust. Dies gilt sowohl für Filial- als auch für Franchise-Standorte. Allerdings ist rechtlich Vorsicht geboten, wenn der Franchise-Geber eine Analyse für den Standort des Franchise-Nehmers vornimmt. Dies könnte später zu einer Haftungsdiskussion führen. Hier ist es zweckmäßig, den Franchise-Nehmer mit den erforderlichen "Tools" auszustatten und ihn bei seiner eigenen Analyse zu coachen. Dadurch wird der Franchise-Nehmer zugleich gezwungen, sich eingehend mit seinem künftigen Metier und Standort vertraut zu machen (insbesondere hinsichtlich des Wettbewerbs). Damit sichert er zusätzlich seine Grundsatzentscheidung ab. Sein hohes Engagement in der Analyse stabilisiert zugleich die Franchise-Partnerschaft, weil die Gefahr späterer Zweifel reduziert wird.
Leser: Herr Dr. Boehm, gibt es auch Fälle, wo ganze Franchisesysteme wieder in ein Filialsystem integriert werden? Müssen die Franchise-Nehmer dann zustimmen? Wie werden die Franchise-Nehmer gegebenenfalls entschädigt?
Herr Dr. Hubertus Boehm: So etwas kommt vor, wenn auch sehr selten. Ein Anlass kann die bereits erwähnte Eigenkapitalrendite sein. Häufiger dürften dagegen strategische Aspekte den Ausschlag geben, weil man als Hersteller oder Importeur den Absatzkanal voll in die eigene Hand bekommen will. Diese Überlegungen sind typisch für Konzerne generell, gelten insbesondere aber bei der Übernahme eines Unternehmens durch einen kapitalstarken Investor. Für eine "Heuschrecke" sind Verträge mit einer großen Zahl selbstständiger Vertriebsunternehmer absolut unattraktiv. Da der in der Regel mindestens zehn Jahre laufende Franchise-Vertrag (abgesehen von "wichtigen" Gründen) nicht kündbar ist, kann der Franchise-Geber nur den Vertragsablauf abwarten oder dem Franchise-Nehmer ein reizvolles Kaufangebot unterbreiten. Theoretisch könnte man sich natürlich auch ein allmähliches "Hinausekeln" der Franchise-Nehmer vorstellen. Im Hinblick auf den Goodwill der Marke ist das aber sicherlich keine gute Lösung.
Leser: Sehen Sie keine Gefahr, dass ein Franchise-Betrieb auch aufgrund der geringeren Gewinnspanne für den Franchise-Geber gegenüber einem Filialbetrieb benachteiligt wird? Sie erwähnten bereits mögliche Konflikte bei Lieferengpässen oder Promotions.
Herr Dr. Hubertus Boehm: Natürlich ist die Wertschöpfung des Systemkopfs beim Franchise-Betrieb geringer als bei der Filiale. Andererseits erfordert der Franchise-Bereich einen wesentlich geringeren Kapitaleinsatz und einen geringeren Kontrollaufwand. Die Zentrale kann also mit dem Kapitalbedarf einer Filiale mehrere Franchise-Betriebe im Markt etablieren. Durch den Hebelarm entsteht so auch im Franchise-System letztlich eine hohe Wertschöpfung. Mit andere Worten: Der Gewinn je Standort ist geringer, aber die Menge bringt's. Davon abgesehen wird durch die wesentlich größere Zahl der Standorte die Marktpräsenz erhöht und der Goodwill der Marke ausgebaut. So wächst dem Franchise-Geber (zunächst steuerfrei) immaterielles Kapital zu. Allein im Hinblick auf den Goodwill der Marke wäre also eine Benachteiligung der Franchise-Nehmer unlogisch. Das Ziel eines Mischsystems ist ja die Synthese der Vorteile beider "Welten".
Leser: Welcher finanzielle Aufwand ist mit der Umwandlung eines kompletten Filialsystems verbunden?
Herr Dr. Hubertus Boehm: Wie schon eingangs erwähnt: Eigentlich ist jeder Filialist ein potenzieller Franchise-Geber. Das Meiste von dem, was man für Franchising braucht, ist bereits vorhanden. Der Filialist hat schon einen erfolgreich erprobten Geschäftstyp, eine funktionsfähige Zentrale, reibungslos laufende Prozesse, sichere Bezugsquellen, ein effizientes Controlling sowie Bekanntheitsgrad und Image. Strategisch und operativ besteht kein Unterschied zwischen einem Franchise- und einem Filialsystem. Der wesentliche Unterschied sind die Eigentumsverhältnisse hinsichtlich der Vertriebsstelle und damit zugleich das Engagement des Vertriebsstellenleiters. Beispiele zeigen, dass nach einer "Privatisierung" von Filialen der Umsatz um etwa 10 % und der Rohgewinn um etwa 15 % steigen können und sich die Inventurdifferenz im "Handel" drastisch reduziert. Was dem Filialisten fehlt, sind neben dem Franchise-Vertrag die "Werkzeuge" für die Rekrutierung selbstständiger Partner und die Übertragung des Know-hows auf die Franchise-Nehmer sowie die Ressourcen für eine straffe und zugleich kooperative Führung. Konkret heißt dies, dass der Filialist zunächst weitgehend Vorhandenes partnergerecht aufbereiten muss, z.B. Franchise-Handbuch, Schulungsunterlagen und Controlling-System. Hierfür ist einschließlich Franchise-Vertrag mit einem sechsstelligen Aufwand zu rechnen. Hinzu kommen die Investitionen für den Ausbau der Ressourcen. Die Führung von selbstständigen Unternehmern in einem straffen System erfordert andere Menschen. Wo der Filialist einen "Feldwebel" einsetzt, braucht der Franchise-Geber einen "Missionar".
Leser: Worin unterscheidet sich die Führung eines Filialsystems von der eines Franchisesystems? Können die gleichen ManagerInnnen für beide Systeme zuständig sein oder verursacht eine Personalunion Konflikte?
Herr Dr. Hubertus Boehm: Kopf der System-Zentrale sollte eine einzige Person sein - als Manager verantwortlich für beide Bereiche. Führung und Betreuung vor Ort sollte dagegen getrennt erfolgen. Die Gründe habe ich im letzten Beitrag aufgeführt.
Leser: Wann kommt in Mischsystemen der Punkt, wo ein bestehender Eigenbetrieb in einen Franchisebetrieb oder umgekehrt umgewandelt wird? Ist dies in erster Linie personenabhängig?
Herr Dr. Hubertus Boehm: Hierfür kann es zwei Gründe geben: Der häufigste Grund ist die unzureichende Rendite. Wie bereits mehrfach erwähnt, kann oft (nicht immer) ein Franchise-Nehmer dort noch gut leben, wo sich eine Filiale nicht mehr trägt. Ein anderer Grund kann sich dann ergeben, wenn man einen außerordentlich fähigen und engagierten Filialleiter verlieren würde, weil er sich in der Filiale nicht weiterentwickeln kann. Die Umwandlung eines Franchise-Betriebs in eine Filiale wurde heute schon behandelt.
Leser: Inwieweit sind ehemalige Filialleiter als Franchisenehmer geeignet? Gibt es dafür spezielle Tests?
Herr Dr. Hubertus Boehm: Er muss ehrgeizig sein und "Biss" haben. Das Entscheidende in einer Franchise-Partnerschaft sind Motivation und Persönlichkeit des Franchise-Nehmers sowie die "Chemie" zwischen den Partnern. Testen kann man das nicht. Gerade hier kommt die Entscheidung "aus dem Bauch". Letztlich kennt man sich lange genug. Wenn unter diesen Aspekten alles stimmt, sollte auch eine schwache Kapitalbasis kein Hinderungsgrund sein. In diesem Fall kann die Filiale zum Geschäftswert auch "in Scheiben" übertragen werden.
Leser: In welchen Schritten könnte ein komplettes Filialsystem franchisiert werden? Lassen sich auf diese Weise Kündigungen vermeiden?
Herr Dr. Hubertus Boehm: Je nach Umfang des Vertriebsnetzes wird die Privatisierung zweifellos einige Zeit in Anspruch nehmen. Zunächst müssen die erforderlichen "Werkzeuge" entwickelt werden. Danach sollte die Umwandlung an mehreren Pilotfilialen erprobt werden, ehe man in die Breite geht. Der Prozess soll ja organisch ablaufen und nicht als "Flucht" erscheinen. Unter strategischen Aspekten muss die Umwandlung dem Markt plausibel vermittelt werden. Der in langer Zeit aufgebaute Goodwill des Filialisten darf durch den Paradigmenwechsel nicht gefährdet werden. Andernfalls dürften auch die potenziellen Franchise-Nehmer (überwiegend bisherige Filialleiter) nicht bereit sein, in das Projekt zu investieren. Soweit Filialleiter zu Franchise-Nehmern werden, entfällt natürlich eine Kündigung. Da sie in der Regel das bewährte Personal übernehmen, erfolgen auch hier meist keine Kündigungen.
Leser: Gilt der von einem Franchise-Geber gewährte Gebietsschutz auch für Eigenbetriebe oder könnte er sich mit einer eigenen Filiale in meinem Gebiet niederlassen?
Herr Dr. Hubertus Boehm: Natürlich gilt das auch für eine Filiale.
Leser: Muss der Franchise-Geber einem Interessenten von sich aus oder auf Nachfrage mitteilen, wenn bereits Franchise-Nehmer in dem Gebiet gescheitert sind? Und wenn der Franchise-Geber den Betrieb zwischenzeitlich selbst geführt hat?
Herr Dr. Hubertus Boehm: Wenn ein Franchise-Geber Auskunft darüber verweigert, ist das sicherlich keine gute Basis für eine langfristige und möglicherweise lebenslange Partnerschaft. Daher sollten Sie vorsichtig sein. Abgesehen davon wäre das von dem Franchise-Geber unklug, weil sich ein früheres Scheitern auf Dauer nicht verheimlichen lässt und dann beim Bekanntwerden zu Irritationen führt. Falls der Franchise-Geber falsche Angaben macht, entfällt die Grundlage für eine Franchise-Partnerschaft sowieso. Franchising bedeutet eine so intensive Verflechtung, dass Unfairness oder Täuschung keinen Platz haben.
Herr Dr. Hubertus Boehm: Liebe Teilnehmer, vielen Dank für Ihre wirklich fundierten Beiträge. Ich hoffe, ich konnte Ihnen einige neue Erkenntnisse vermitteln, und freue mich auf das nächste Mal. Ihr Hubertus Boehm
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