7/15/2019

Hand in Hand: Arbeits-Motivation und Work-Life-Balance

 

 

Endlich Urlaub! Ich sitze draußen in einem Strandkorb auf der Terrasse eines schönes Cafés und blicke auf die Nordsee. Direkt vor mir ein Latte Macchiato. Die Sonne scheint, der Wind ist frisch und angenehm. Statt jetzt einfach nur meine Gedanken schweifen zu lassen, schreibe ich diese Expertenstimme hier für FranchisePORTAL. Zum Thema „Work-Life-Balance“. Da muss ich selbst etwas schmunzeln. Scheint also gar nicht so einfach zu sein mit der Ausgewogenheit zwischen Leben und Arbeiten.

Aber vor Urlaubsbeginn ging es im Büro besonders hektisch zu und ich fand einfach keine Muße, diesen Text zu schreiben. Und spätestens diese Woche muss ich ihn endlich abgegeben haben, genau genommen bin ich schon überfällig.

Dennoch: Für mich ist in dieser Situation eigentlich alles gut. Eigentlich. Das einzige, was mich jetzt stresst ist der Gedanke an den mahnenden Zeigefinger der umfangreichen Work-Life-Balance-Literatur, die mein Verhalten jetzt wahrscheinlich vollkommen daneben findet. Aber den verdränge ich jetzt mal.

Eine gute Work-Life-Balance finden – das war seinerzeit einer der ganz wichtigen Motivatoren für mich in die Selbständigkeit zu starten. Damals konnte ich nach vielen Jahren als vielreisender Angestellter meine Vorstellungen von einem ganzheitlichen Leben nicht mehr in Einklang mit meinem Job bringen. Irgendwann machte die Arbeit mir einfach keinen Spaß mehr. „Work“ und „Life“ wurden ein echter Gegensatz: während der Arbeit fühlte ich mich tot und deshalb musste außerhalb der Arbeit das wahre Leben stattfinden. Wie sollte ich das ausbalancieren? Ich konnte es nicht.

Als Selbständiger – so meine Hoffnung – würde mir das besser gelingen. Weil ich meine Zeit freier einteilen kann und weil die berufliche Tätigkeit selbst ja schon mal Spaß macht. Heute kann ich sagen, meine Hoffnung auf eine bessere Work-Life-Balance wurde nicht enttäuscht. Allerdings - wie so häufig im Leben – liegen die Dinge etwas komplizierter und bleiben eine tägliche Herausforderung.

 

 

Was genau ist eigentlich auszubalancieren?

Das geht bereits los mit dem Begriff Work-Life-Balance. Der war für mich schon immer irritierend, weil er Arbeit und Leben als einen Gegensatz beschreibt. Das kann aber doch nicht sein. Schließlich möchte ich mich auch während meiner Arbeit lebendig fühlen. Arbeit gehört doch zu meinem Leben einfach dazu. Außerdem klingt in dieser Gegenüberstellung „Life“ stark danach, als ob es ausschließlich die Zeit für schöne Dinge ist. Daran habe ich allerdings auch starke Zweifel. Ist die starke Betonung eines Gegensatzes von „Work“ und „Life“, der auszubalancieren sei nicht ein sicheres Indiz dafür vor, das etwas ganz Grundsätzliches mit unserer Lebensführung nicht stimmt?

Nach meiner Erfahrung geht es eher um ein Ausbalancieren von beruflichem und privatem Leben und auch das nicht als Gegensatz verstanden, sondern als vielfältig verflochtenes Verhältnis, weil wir - außer Mr. Jekyll und Mr. Hyde - ja nur ein Leben führen.

Diese Verflechtung von beruflich und privat beschreibt die Tatsache, dass für viele eine berufliche Tätigkeit, die sich auch persönlich überwiegend sinnstiftend und erfüllend anfühlt, erstrebenswert ist und genau diese berufliche Tätigkeit gleichzeitig auch noch die Erfüllung von Lebensplanungswünschen zulässt, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Gerade viele Selbständige empfinden es als positiv, dass sie sich bei der Gründung und Entwicklung ihres Unternehmens persönlich deutlich schneller und intensiver entwickelt haben als je zuvor und gleichzeitig haben besonders sie die Befürchtung, dass die selbständige Arbeit – „die Firma“ - ihr Privatleben vollständig vereinnahmt.

 

 

Balance zwischen beruflich und privat – ist das schon alles?

Es geht aber nicht nur um eine Ausgewogenheit zwischen beruflichen und privaten Belangen. Auch innerhalb dieser beiden Sphären sind jeweils zahlreiche Herausforderungen in Einklang zu bringen.

Im privaten Bereich zum Beispiel Zeit mit dem Lebenspartner verbringen, den Kindern, der ganzen Familie, mit Freunden oder einfach mal alleine sein, nichts tun, Fahrrad fahren, wandern, lesen, Sport treiben. Könnte man ganz gut bewältigen, wenn da nicht noch so viel mehr zu tun wäre:

sauber machen, Kind zur Schule bringen, Fahrtstrecken bewältigen, Wäsche waschen, Computer und Smartphone einrichten, Überweisungen tätigen, Buchhaltung machen, Auto in die Werkstatt bringen, Arztbesuche, Fahrrad reparieren, Schriftkram aller Art, einkaufen, Post wegbringen, zum Friseur gehen, Geschäftsreisen organisieren, dem Nachbarn das Paket bringen, was man für ihn angenommen hat, die Wohnung renovieren, den Garten machen usw.

Im geschäftlichen Bereich: Machen, organisieren, Gespräche führen, Workshops vorbereiten und durchführen, telefonieren, E-Mails schreiben, Konzepte erarbeiten, planen, auswerten, Texte schreiben, website optimieren, neue Kunden akquirieren, bestehende Kunden begeistern, Computer wieder zum Leben erwecken, Buchhaltung machen, sich über den Steuerberater ärgern, sich fortbilden, neue Mitarbeiter suchen, Gespräche mit Mitarbeitern führen, am Markenauftritt feilen, den Wettbewerb beobachten, den Reinigungsservice wechseln, Alleinstellungsmerkmale stärker herausarbeiten, neue Produkte und Dienstleistungen entwickeln, Netzwerktreffen besuchen, Projekte zeitlich erfassen und auswerten, neue Kontakte in die Datenbank einpflegen, Fachliteratur lesen, einen neuen Flyer entwickeln, Büromaterial bestellen, Übernachtungen, Flüge und Zugfahrten für die nächste Geschäftsreise buchen usw.

 

 

Die Balance zwischen Aktion und Reflexion als Schlüssel zum unternehmerischen Erfolg

Diese zahlreichen Tätigkeiten des beruflichen und privaten Lebens verlangen zu ihrer Bewältigung dem selbständigen Unternehmer oft dieselbe Fähigkeit ab. Aus meiner Sicht ist das die Fähigkeit eine Balance zu finden zwischen Tätigkeiten, die unmittelbar eine Aktion darstellen und denjenigen Tätigkeiten, die eher auf Reflexion, langfristige Unternehmens- und Lebensplanung sowie das Finden von innerer Ruhe und Entspannung zielen.

 

 

Richtig gute Gedanken kommen oft erst in Ruhepausen

Beispiel: für die Entwicklung eines neuen Produkts oder der Reorganisation der Vertriebsabteilung sind innovative Lösungen gefragt. Kommen die guten Gedanken dazu nicht häufig erst in Ruhephasen, am Wochenende, auf Reisen, nachdem man mal so richtig ausgeschlafen oder sich im Fitnessstudio ausgetobt oder ganz versunken mit seinen Kindern gespielt hat? Und verhält es sich bei der Lösung persönlicher Herausforderungen nicht ähnlich? Ist es nicht immer der Schritt zurück aus dem Geschäfts- bzw. privaten Alltag, das Schaffen einer Distanz zu dem betreffenden Problem, das Einnehmen der Vogelperspektive, das gute Gespräch mit einem Geschäftskollegen oder dem Lebenspartner, was letztlich zu einer Lösung des jeweiligen Problems führt? Nach meiner Erfahrung – ja.

 

 

Rückzug als Voraussetzung für unternehmerisches Handeln

Aber genau diesen Rückzug inmitten der täglichen Aktion zu schaffen, aus dem vollen Lauf des Macher-Modus in den der Reflexion zu bremsen ist insbesondere für den mit Begeisterung arbeitenden Unternehmer so schwierig wie gleichzeitig entscheidend sowohl für seinen unternehmerischen Erfolg als auch ein erfülltes Privatleben. Mit leerem Akku klappt das nicht. Dann kommt nur noch erschöpfter Aktionismus raus. Ausgeschlafen und fit sein und immer wieder Pause machen hilft dagegen sehr, reflektiert die richtigen Dinge zu unternehmen und gelingende Beziehungen zu gestalten. Und ist es nicht genau das, was Kunden, Mitarbeiter, Kooperationspartner und Lieferanten wollen? Und die Familie? Und man selbst als Unternehmer?

 

 

Fazit

Wir Menschen brauchen für ein gelingendes Leben mehr als unseren Beruf und zugleich gehört zu einem gelingenden Leben ein befriedigender Beruf dazu. Deshalb ist Work-Life-Balance zwar ein griffiges Schlagwort, aber genauer formuliert geht es eher um eine Ausgewogenheit von Tätigkeiten, die unmittelbar eine Aktion darstellen und denjenigen Tätigkeiten, die eher auf Reflexion, langfristige Unternehmens- und Lebensplanung, das Finden von innerer Ruhe und Entspannung zielen - und zwar sowohl im beruflichen als auch im privaten Bereich. Insbesondere für Selbständige ist das der Schlüssel zu unternehmerischem Erfolg und einem erfüllten Privatleben.

Für mich ist diese Balance auch viele Jahre nach meinem Start in die Selbständigkeit noch eine echte tägliche Herausforderung. Ein Experte oder Meister gar bin ich auf diesem Gebiet gewiss noch lange nicht.

So, den Latte Macchiato habe ich leer getrunken – meine Familie wartet ;-).

 

Expertenstimme von Eugen Marquard

Autor:

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