27.01.2012

Chatprotokoll: Greenfranchising als neue Franchise-Dimension

Bellone FRANCHISE CONSULTING GmbH

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Schönen guten Morgen, liebe Chat-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer. Ich freue mich auf Ihre Fragen zum Thema Greenfranchising und allgemein zum Franchising. Ihre Veronika Bellone

Leser:Schönen guten Morgen, Frau Prof. Bellone: ich wüsste gerne, was man unter Greenfranchising versteht? Ist damit der Vertrieb von Bioprodukten oder anderer landwirtschaftlicher Produkte gemeint?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Guten Morgen, lieber Chat-Teilnehmer. Greenfranchising bezieht sich auf die Nachhaltigkeit im Unternehmen. Ursprünglich bezog sich Greenfranchising - wie es mein Geschäftspartner und ich in den USA kennen gelernt haben - vor allem auf ökologische Nachhaltigkeit. Also verantwortliches Handeln und Wirtschaften im Sinne der Gesellschaft und Umwelt. Man kann das große Thema Nachhaltigkeit jedoch nicht nur auf diesen Bereich beschränken und so haben wir bei der Adaption des Greenfranchising auf den deutschsprachigen Raum, die soziale und ökonomische Ebene integriert. Denn gerade im Franchising gilt es, auch verantwortungsbewusst im Sinne der Franchise-Partner/innen zu handeln und ihnen eine wirtschaftliche und entwicklungsfähige Perspektive zu bieten.

Leser:Liebe Frau Professor Bellone: Die Umweltbewegung ist in Deutschland besonders stark verankert. Wird sich Greenfranchising dadurch bei uns schneller durchsetzen als in anderen Ländern?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Sicher wird die Umweltbewegung ein starker Treiber sein, um die ökologische Komponente des Greenfranchisings bewusster zu machen. Ich sehe aber ebenso, dass sich das ganze Thema stark verankern wird und, dass wir uns zunehmend Gedanken über Franchising als Wachstumsstrategie machen müssen. Wie viel Wachstum verträgt der Markt? Und im Franchising sind dann immer zwei Märkte gemeint: der Partner/innenmarkt und der Abnehmer/innenmarkt. Diese Fragen beschäftigen Wirtschaftsexperten.

Leser:Guten Morgen Frau Prof. Bellone. Worauf bezieht sich der Begriff des nachhaltigen Wirtschaftens von Unternehmen in der aktuellen Diskussion?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Nachhaltiges Wirtschaften bezieht sich auf Ganzheitlichkeit. Welche Auswirkungen hat mein heutiges Tun auf die aktuelle und zukünftige Entwicklung. Und betreffend Entwicklung ist es dann nicht mehr nur die Eigenbetrachtung des Unternehmens, sondern was verursache ich mit meinem Handeln. Welche positiven und negativen Einflüsse habe ich auf die ökologische und soziale Umwelt?

Leser:Welche Voraussetzungen müssen vorliegen, um ein Franchisesystem bewusst ökologisch auszurichten und zu steuern? Was ist im ersten Schritt tun? Wie überwindet man die Skepsis der Partner?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Ich fange mit der letzten Frage an. Um die Skepsis der Partner/innen abzubauen, würde ich sie früh in die Verantwortung einbinden. Ich würde sie im Rahmen einer Teamarbeit, Erkenntnisse selbst erleben lassen. Wenn man selbst das Gefühl hat, wesentlich zu einer Erkenntnis und/oder Neuerung beigetragen zu haben, dann trägt man diese Idee auch und sieht es nicht als Diktat an. Ich würde einen Öko-Check vornehmen, der bei Ihrem Leistungsangebot anfängt und dann auf das Partnermarketing eingeht. Im Leistungsangebot sind es z.B. Eckpunkte wie Energieverbrauch, Umgang mit Ressourcen (Verpackung, Materialien..), Lieferwege, Lagerhaltung etc. Im Bereich des Partnermarketing sind es die Kommunikationswege, -aktivitäten und -kanäle, Unterlagen etc. Nehmen Sie gemeinsam mit den Partnern und Partnerinnen den Status Quo Ihrer definierten Eckdaten auf und lassen Sie in Arbeitsgruppen nach effizienteren Möglichkeiten fahnden, aber auch nach Möglichkeiten, wie jeder persönlich durch sein Verhalten seinen Teil dazu beitragen kann. Überprüfen Sie dabei auch die Werte Ihrer Unternehmung, was ist Ihnen besonders wichtig - leiten Sie daraus Ihre Führungsrichtlinien ab.

Leser:Liebe Frau Professor Bellone: Lässt sich Greenfranchising auch für eine erfolgreiche Wettbewerbsstrategie im Kampf um die besten Franchisenehmer einsetzen? Wie hoch schätzen Sie den Anteil der Gründer, die auf solche Themen ansprechen?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Es gibt noch keine Statistiken zu diesem Thema. Dass jedoch die Zahl derer zunimmt, die sich für ein nachhaltiges Verhalten (auf Geber/innen wie Nehmer/innen-Seite) aussprechen, können wir in unserer Beratungstätigkeit feststellen. Gerade für jüngere Gründer/innen sind echte Werte wie Glaubwürdigkeit, Transparenz und Ehrlichkeit wichtig. Wertschätzung wird groß geschrieben und zwar im Verhältnis Franchise-Geber/in und Nehmer/in wie auch gegenüber anderen Anspruchsgruppen. Nehmen Sie die Bewegung der LOHAS - Menschen, die sich dem Lifestyle of Health and Sustainability verschrieben haben - man geht von Schätzwerten um die 25 - 30 % in unserer Gesellschaft aus. Der Anteil nimmt zu.

Leser:Für amerikanische Unternehmen zählt der Klimawandel an der Zapfsäule mehr als irgendwelche Umweltziele. Geht es bei Green Franchising nicht in erster Linie darum, den Werbeeffekt eines modischen Themas aufzugreifen, während in Wirklichkeit alles beim Alten bleibt? Schon 1990 erschien das Buch „Ökotricks und Bioschwindel“ mit zahlreichen Beispielen. Warum sollte Green Business oder Green Franchising das Unternehmenshandeln nachhaltiger verändern?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Wir leben im Jahr 2012 und in den letzten 20 Jahren hat sich definitiv viel verändert. Hierzu fällt mir ein sehr passender Zen-Spruch ein: "Du steigst nie zweimal in den gleichen Fluss." Heute beschäftigen sich die "nachwachsenden" Generationen intensivst mit dem Thema Nachhaltigkeit und durch die neuen Medien (Social Media) werden reine Greenwashing-Kampagnen (nur so tun als ob) in kürzester Zeit durchschaut. Greenfranchising setzt an dem gesamten Unternehmenskonzept an - hat also sowohl Auswirkungen auf die Franchise-Zentrale bis hin zu jeder Franchise-Nehmerin und jeden Franchise-Nehmer. Durch den Multiplikatoreffekt im Franchising können neue, nachhaltige Gedanken und Maßnahmen sehr viel schneller und effektiver übertragen werden.

Leser:Eben wurde das Problem der Glaubwürdigkeit von einem Teilnehmer angesprochen. Wie lässt sich transparent und glaubhaft nach außen kommunizieren, dass Umwelt und Gesellschaft ebenso vom unternehmerischen Handeln profitieren wie das eigene Franchisesystem?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Nehmen Sie das Beispiel MIGROS (Detailhandelskette in der Schweiz), die schon in den 1950er Jahren gesellschaftliche Verantwortung im Unternehmensleitbild verankert hat und seitdem kulturelle und weiterbildende Aktivitäten fördert. Die MIGROS wurde 2010 für ihr Engagement in Berlin dafür ausgezeichnet. Es geht um wirkliches Verankern der Ziele im Unternehmen, um eine klare Positionierung und das kontinuierliche Leben von Werten.

Leser:Von der Redaktion des Wirtschaftsmagazins impulse wird die Nachhaltigkeit eines Franchise-Konzeptes im Rahmen des jährlichen Rankings wie folgt bewertet: „Bewertet werden Firmenalter, Partneranzahl und Umsatz der Zentrale. Ein System, das bereits lange aktiv ist, punktet stärker als ein junges; große stärker als kleine. Und je mehr eine Zentrale etwa durch Gebühren oder Warenlieferungen einnimmt, desto professioneller, so die Annahme, kann sie auch als Dienstleister für Partner auftreten“ (Dr. Nikolaus Förster, Chefredakteur). Wir könnte Ihr Verständnis von Nachhaltigkeit in ein künftiges Ranking von Franchise-Systemen einfließen?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Dafür haben wir einen umfangreichen Katalog von Kriterien entwickelt, der momentan dem Deutschen Franchise Verband zur Abstimmung vorliegt. Ich möchte an dieser Stelle nicht vorgreifen, aber sicherlich sollte ein Nachhaltigkeits-Index zukünftig in Rankings berücksichtigt werden. Wichtig sind nicht nur Nachhaltigkeits-Willensbekundungen, sondern tatsächliche Verankerungen im System. Gibt es z.B. ein entsprechendes Leitbild, eine Strategie und Nachhaltigkeitspositionen.

Leser:Müssten Nachhaltigkeitsthemen nicht auch bei Aus- und Weiterbildungsangeboten Berücksichtigung finden? Meines Wissens haben DFV und DFI diese Thematik bisher nicht in Seminaren aufgegriffen.

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Aus diesem Grund haben wir z.B. in Berlin ein Greenfranchise Lab® eingerichtet, in dem wir genau auf diese Themen in Workshops und Lectures eingehen. Im Rahmen des Franchise-Kongresses (Köln)des DFV werde ich am 25.4. einen Workshop zum Thema Greenfranchising anbieten mit verschiedenen Beispielen und Anregungen zur Integration nachhaltiger Maßnahmen.

Leser:Mir sind noch keine Franchise-Systeme bekannt, die gezielt auf Green bzw. Clean Technology setzen. Ich denke an Technologiefelder wie Solartechnik, Windkraft, Wasserfiltration, smarte Infrastruktur, saubere Transportlösungen oder grüne Informationstechnik. Warum werden die Chancen des neuen hightech-basierten grünen Marktes im Franchising nicht genutzt?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Es gibt bereits Systeme in diesem Bereich, nur handelt es sich hier häufig um andere Dimensionen - wie z.B. die Global Water Franchise Agency, die wir schon in unserem "Praxisbuch Franchising" unter Greenfranchising vorgestellt haben. Diese fördern international Wasserprojekte und arbeiten mit Landespartnern zusammen. Dabei gibt es auch neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit, die eher auf komplementäres Franchising setzen (www.waterfranchise.com). Es gibt aber auch durchaus Franchise-Systeme, die mit Regionalpartnern/-partnerinnen zusammenarbeiten wie z.B. Enerix Solar-Energie.

Leser:Vielen Dank für Ihre tollen Anregungen. Haben Sie einen Tipp, wie ich die Nachhaltigkeitsthematik in unserer Unternehmensphilosophie verankere? Sollte das Handbuch entsprechend erweitert werden?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Wenn Sie Ihre Nachhaltigkeitsthemen definiert haben, dann machen Sie daraus einen Wertestandard, den Sie in Ihrer Philosophie verankern. Aus der Philosophie heraus kreieren Sie dann praktikable Regeln für den systeminternen und -externen Umgang. So haben Sie eine Messlatte. Ihr Handbuch sollte nicht zwingend erweitert werden, sondern anhand dieser neuen/nachhaltigeren Messlatte überprüft werden. Halten die Beschreibungen Ihrem modifizieren Wertesystem noch Stand oder müssten Prozesse, Abläufe, Kommunikationsregeln nicht ebenfalls konsequent verändert werden? Es lohnt sich, das System noch einmal von Grund auf zu durchdenken - das bringt frischen Wind und Dynamik ins System und kann auch andere mitreißen.

Leser:Auf welchen Pfeilern beruht ein nachhaltiges Partnermarketing-Konzept? Welche Zielsetzung verfolgt es im Vergleich zum traditionellen Partnermarketing?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:In einer gemeinsamen Wertebasis von Franchise-Partnern/-Partnerinnen und Franchise-Geber/in liegt der Schlüssel für eine wirklich nachhaltige Entwicklung. Dafür gilt es über das Geschäftskonzept (Produkte und/oder Dienstleistungen) hinaus, diese für alle relevante und verbindliche Basis zu definieren. Wofür steht das Unternehmen? Welche Verantwortung nimmt es wahr? Wie stark setzt es die Verantwortung um? Es geht also um eine gemeinsame Marschrichtung, die sich auch auf übergeordnete Werte bezieht.

Leser:Es ist zu hoffen, dass sich der DFV für solche Fragen offen zeigt. Wie können Existenzgründer die Nachhaltigkeit eines Franchisekonzeptes beurteilen, solange es keinen entsprechenden Index gibt?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Da kann ich Ihnen nur zustimmen - es braucht ein dynamisches Vorgehen. Wir haben seit 2008 Interviews im Rahmen unserer Greenfranchise-Initiative geführt. Wir haben uns gesagt, dass über Referenzen gezeigt werden kann, was es bereits für gute Ansätze in Franchise-Systemen gibt. Aber auch Beispiele von Zulieferanten und anderen komplementären Institutionen und Unternehmen bringen interessante Einblicke. Vorgestern habe ich z.B. ein Interview mit einem Vorstandmitglied der EthikBank geführt. Daraus ergaben sich wiederum spannende Inputs, die zum Nachdenken anregen. Über die vielen Beispiele bieten wir in unserer Greenfranchise-Gallery und Lounge auf unserer Website sicher viele Anregungen und Erfahrungswerte (http://www.bellone-franchise.com/greenfranchising/gallery/default.asp). Wir führen aber auch Workshops und Gespräche zu diesen Themen an, um Chancen für ein Franchise-System im Rahmen der Nachhaltigkeit zu ermitteln.

Leser:Gibt es nach Ihrer Kenntnis bereits moderne Instrumente für das Controlling von Nachhaltigkeit?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:In spezifischen Feldern wie z.B. der Energieversorgung gibt es interessante Softwarelösungen. Aber auch im Bereich der Mobilität. Derzeit berate ich gerade ein schweiz. Unternehmen, welches u.a. Lösungen zur nachhaltigen Mobilität entwickelt und entsprechende Steuerungsinstrumente anbietet.

Leser:Vielen Tüftlern ergeht es noch immer wie dem Computer-Erfinder Konrad Zuse, der an der Patentierung und Vermarktung seiner genialen Idee scheiterte. Warum fördert die Bundesregierung mit Milliarden die großen Autokonzerne, obwohl die wirklichen Innovationen von Einzelkämpfern oder im Mittelstand erreicht werden? Warum fördert die Bundesregierung nicht den Aufbau von Franchise-Systemen, die sich der Vermarktung von Green Technology widmen? Ich möchte eine entsprechende Initiative im Interesse der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Franchise-Wirtschaft anregen.

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Ich kann das nur befürworten. Es geht um vermehrte Sensibilisierung des Themas und je mehr Ansatzpunkte es gibt, desto stärker wird der Effekt. Wir haben auch 2008 mit der Greenfranchise-Initiative begonnen, u.a. um zu zeigen, dass es viele gute nachhaltige Ideen und Ansätze von Franchise-Gebern und -Geberinnen gibt.

Leser:Und wie können Nachhaltigkeitsfragen bei der Internationalisierung von Franchise-Aktivitäten berücksichtigt werden? Verbraucher und Franchise-Nehmer in den verschiedenen Ländern reagieren doch sehr unterschiedlich auf solche Fragen.

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Nachhaltige Expansion schließt die Auseinandersetzung mit der Kultur des avisierten Landes ein. Je mehr man von den Gepflogenheiten, Ansprüchen und Wertesystemen weiß, desto eher sieht man, in welcher Form sich die eigene Werthaltung integrieren lässt. Deswegen ist es wichtig, mit den Franchise-Partnern (Master und/oder Regional-Partnern/Partnerinnen) einen gemeinsamen Nenner zu haben, wofür man einsteht.

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Liebe Chat-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer, vielen Dank für Ihre Fragen. Ich freue mich sehr über das große Interesse am Thema Greenfranchising. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Herzlichst Ihre Veronika Bellone

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