30.03.2010

Chatprotokoll: Franchisekultur und Nachhaltigkeit

Bellone FRANCHISE CONSULTING GmbH

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Guten Morgen, liebe Chat-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer. Ich freue mich auf Ihre Fragen. Ihre Veronika Bellone

Leser:Guten Morgen, Frau Prof. Bellone. Welcher Zusammenhang besteht zwischen Franchise-Kultur und Nachhaltigkeit in Franchisesystemen?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Guten Morgen, lieber Chat-Teilnehmer. Da besteht eine enge Beziehung oder es sollte eine solche bestehen. Die Unternehmenskultur ist geprägt von Werten Einstellungen und der Vision, wo es mit dem Geschäftskonzept hingehen soll. Für die Erreichung von Zielsetzungen werden Strategien verfolgt, die auf dem Boden dieser Kultur entwickelt werden. Das Thema Nachhaltigkeit im ökologischen, ökonomischen und sozialen Sinne ist Teil des strategischen Wirkens von Unternehmen und damit auch von Franchise-Unternehmen.

Leser:Einen schönen guten Morgen Frau Professor Bellone: Mich würde interessieren, ob Sie aufgrund sich verändernder Rahmenbedingungen (Globalisierung, Wirtschaftskrise, Demographie etc.) einen Wertewandel im Franchising feststellen?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Ich beobachte einen Wertewandel, der einen grossen Niederschlag in Franchisesystemen findet. Die Megatrends Globalisierung und der Demographische Wandel verlangen den bestehenden wie neu zu entwickelnden Franchisesystemen sehr viel mehr Aufmerksamkeit ab. Kunden/Kundinnen wie potenzielle Partner/innen sind sehr viel sensibler geworden, wenn es um den Erwerb von Leistungsangeboten geht. Das Vertrauen ist geschrumpft - auch durch die Wirtschaftskrise, die viele ehemals vertrauenswürdige Vertreter aus verschiedenen Branchen (nicht nur aus der Finanzwelt) ins Wanken brachte. Authentizität, echte Nutzenorientierung und verantwortliches Handeln sind gefragt.

Leser:Hallo Frau Professor: Welche neuen Anforderungen stellt der Wertewandel an Franchisegeber und ihre Mitarbeiter in der Systemzentrale? Ändert sich damit das Anforderungsprofil für Partnerbetreuer?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Wir lesen in letzter Zeit sehr häufig von Fällen fehlender Wertschätzung den Mitarbeitenden gegenüber. Für ein nachhaltiges Wachstum - und Wachstum heisst nicht zwingend "Grösse", die so "unendlich" heute eh nicht möglich ist - ist es äusserst wichtig, die Mitarbeitenden in der Franchisezentrale nicht nur als "Ressource" zu betrachten, sondern als wichtige Entwicklungsträger. Dazu gehört halt auch eine entsprechende Kultur, dass die Mitarbeitenden entsprechend einbezogen werden. In meinem kürzlich wahrgenommenden Interview mit Adrian Huber von der Mammut AG (Outdoorbekleidung) sind sehr schöne Ansätze zu finden, wie sich Mitarbeitende als Göttis (Paten) zur Verfügung stellen, um über Neuerungen zu informieren. Das positive Klima ist spürbar in der Unternehmung - jeder/jede fühlt sich als Teil der Unternehmung. So wird es wichtig sein, bei der Auswahl der zentralen Mitarbeitenden wie Partnerbetreuer/innen darauf zu achten, was sie einbringen und wie sie sich entwickeln können.

Leser:Ich meine, dass jedes Unternehmen – innerhalb und außerhalb des Franchising - seine ganz eigene Kultur entwickelt. Gibt es eine spezielle Franchisekultur? Wo sehen Sie kulturelle Gemeinsamkeiten zwischen all den Franchise-Unternehmen?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Franchise-Unternehmen unterscheiden sich dadurch, dass sie zusätzlich eine Verantwortung übernehmen, ihren Franchisepartnerinnen und -partnern eine tragfähige Existenz anzubieten. Letztere bringen sich finanziell ein, sie gründen eine Existenz - das unterscheidet sie von Mitarbeitenden. Selbstverständlich hängt deren Erfolg auch wesentlich vom eigenen Engagement und Durchsetzungswillen ab. Sie sind in der Folge jedoch "Systemmitglieder", dafür braucht es Regeln, die sich normalerweise in Rechten und Pflichten verdeutlichen. Eine spezielle Franchisekultur baut auf dem partnerschaftlichen Miteinander auf. Die Kommunikation mit den Franchisenehmern und -nehmerinnen sollte über den Weg der Überzeugung und gemeinschaftlicher Entwicklung gehen. Das bringt letztendlich allen im System höchstmögliche Motivation.

Leser:Liebe Frau Prof. Bellone: Wir haben bereits vor Jahren flexible Arbeitszeit- und Gehaltskonzepte eingeführt, welche die familiären Bedürfnisse der Mitarbeiter unserer Systemzentrale und unserer Franchisenehmer berücksichtigen. Gehört dies im weiteren Sinne zum Themenkreis „Nachhaltiges Unternehmenshandeln“? Gilt dies auch für gelegentlich Spenden im kulturellen, sportlichen oder sozialen Bereich?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Nachhaltiges Handeln begründet sich effektiv nicht allein auf ökologischen Überlegungen. Soziale Verantwortung - wie Sie sie beschrieben haben - gehört ebenso dazu und kann sich in vielerlei Massnahmen zeigen. Die Effektivität solcher Massnahmen wie auch möglicher Spenden hängt allerdings stark von den Werten - den Markenwerten - ab. IKEA z.B. hat u.a. den Markenwert Familienfreundlichkeit. Das schlägt sich nieder in der kinderfreundlichen Gestaltung der Geschäfte, in den Möbelprogrammen zum "Mitwachsen" und auch in den Massnahmen wie Family-Club etc. Nach innen lebt IKEA diese Werte ebenso, der Anteil der weiblichen Führungskräfte ist hoch, Teilzeitarbeit selbst in Führungspositionen ist möglich. IKEA hat übrigens auch Franchisepartner (Masterpartner). Ich habe das Beispiel erwähnt, um zu zeigen, dass nachhaltiges Handeln angebunden werden sollte an die Werte, an die Kultur des Unternehmens - erst dann kann die maximale Wirkung erzielt werden.

Leser:Bietet die Einbeziehung von Nachhaltigkeitsaspekten den Franchise-Unternehmen neue Ansätze, um sich ergänzende Zielgruppen und Absatzmärkte zu erschließen? Gibt es dafür bereits Beispiele?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Auf jeden Fall. Vor allem werden auch bestehende Zielkunden und -kundinnen bestätigt - das ist ein Aspekt, den man häufig zu wenig beachtet. Bestehende Kunden sind keine feste Grösse, sondern täglich der Verlockung diverser Anbieter ausgesetzt. Wer da überzeugender und inhaltsvoller auftritt hat auch grössere Chancen. Neben den Zielkunden gehören aber auch andere wichtige Anspruchsgruppen dazu wie Lieferanten oder Zwischenhändler, die über den Erfolg mitbestimmen. Ich hatte zuvor das Interview mit der Unternehmung Mammut (zu lesen im Franchise-Portal) erwähn. Mammut als Outdoor-Spezialist vertreibt seine Waren international über Zwischenhändler und Franchisepartner. Sie sind sehr gut nachhaltig aufgestellt, das ermöglicht ihnen auch, in Vertriebskanäle zu gelangen, die für weniger nachhaltig handelnde Unternehmen nicht möglich sind. Letzte Woche habe ich Herrn Dr. Händle, geschäftsführenden Gesellschafter der Hamm Reno Group interviewt, der über die weitreichenden Massnahmen zum Thema Nachhaltigkeit bei RENO (Schuh-Einzelhandel) berichtet und von den damit verbunden Erfolgen. Das Interview wird ab 31.3. auf unserer Website www.bellone-franchise.com unter der Rubrik Greenfranchising/Lounge zu lesen sein.

Leser:Hallo, wie lässt sich der augenscheinliche Widerspruch zwischen Nachhaltigkeit und Gewinnmaximierung in der Unternehmensführung miteinander versöhnen?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Wir haben gesehen, wohin reine Gewinnmaximierung führt. Wie ich schon in einer Antwort zuvor schrieb, wird es mit "Wachstum rein nach Grössenordnung" schwierig werden, die meisten Märkte sind gesättigt und die Marktteilnehmer zunehmend kritischer. Ganz klar, sind die Herausforderungen beim Aufbau nachhaltiger (Franchise-)Unternehmen nicht zu unterschätzen. Ich beobachte aber, dass Geschäftsberichte, die neben der Gewinn- und Verlustrechnung auch die Leistungen des Unternehmens für Gesellschaft und Umwelt behandeln, immer mehr werden.

Leser:In Ihren Publikationen vermischen Sie nach meinem Eindruck gelegentlich den Begriff der ‚Franchisekultur‘ als Systembestandteil mit ‚Kulturfranchising‘ als Multiplikation kultureller Projekte. Sorgt dies nicht für begriffliche Verwirrung?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Franchisekultur ist das Wertesystem in einer Franchise-Unternehmung. Beim Kulturfranchising geht es um Projekte, die einen wichtigen Teil der Kultur einer Gesellschaft abbilden, der so interessant und/oder wegweisend sein kann, dass man dies auch in anderen gesellschaftlichen Kulturen per Franchising zur "Verfügung" stellt, wie z.B. per Lizenz das Guggenheim-Museum.

Leser:Zeichnen sich aufgrund der internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise bereits Konsequenzen in den Franchise-Unternehmen ab? Meine Frage bezieht sich auf das Innenleben der Franchise-Unternehmen.

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Zum Teil habe ich das bereits beantwortet. Gerne möchte ich das noch ergänzen. Die Krise, wie stark sie einen auch effektiv betrifft, zeigt deutlich, wo es Schwächen in der Struktur gibt. Denn zu beobachten ist, dass der Verkauf von Franchisen zögerlicher abläuft - zumindest bei solchen Franchise-Unternehmen, die zu schnell gewachsen sind, dabei aber inhaltlich etwas auf der Strecke geblieben sind. Meist wird das allgemein auf die Auswirkungen der Finanzkrise geschoben, oftmals verbergen sich dahinter aber Probleme, die sich erst bei der Multiplizierung des Geschäftskonzeptes zeigen. Wichtige Bausteine wurden nicht beachtet, nämlich wofür das Leistungsangebot überhaupt steht, welchen Nutzen es bringt, welche Lösungen, wie die Weiterentwicklung bewerkstelligt wird, der Umgang mit den Partnern bei Problemen - diverse Punkte, die erst schmerzlich bewusst werden, wenn sich Fehler multiplizieren und dadurch das Wachstum gestoppt wird.

Leser:Gibt es Franchisesysteme, deren eigentliches Geschäftsmodell die Vermarktung kultureller Güter ist? Eignen sich Kulturgüter überhaupt zur Vermarktung mittels Franchising?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Das ist im Einzelfall zu prüfen. Ich hatte bereits zwei Projekte im Bereich der Kunst und soziokulturelle Konzepte, deren Inhalte auf verschiedene Art und Weise multiplizierbar sind. Oftmals ist es ein Rahmenkonzept (das Gebäude z.B.), das vervielfältigt wird oder Dienstleistungen, die als kulturelles Gut weitergegeben werden, aber durchaus auch physische Güter. Nehmen Sie z.B. die Lumas-Galerien, die in limitierter Auflage fotografische Werke bekannter und weniger bekannter Künstler vertreiben.

Leser:Wo werden Nachhaltigkeitsfragen üblicherweise im Systemhandbuch abgehandelt? Im Kapitel Unternehmensphilosophie?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Corporate Social Responsibility (CSR) bzw. das nachhaltige Wirken der Unternehmung wird in der Philosophie beschrieben - entwickelt sich aber zunehmend zu einem eigenständigen Marketinginstrument. Für die Partner und Partnerinnen sollte nicht nur im Rahmen der Philosophie deutlich gemacht werden, worin Ihr nachhaltiges Wirken besteht, sondern es sollten gezielt die Massnahmen beschrieben werden, die dafür eingeleitet werden und dies in einem gesonderten Kapitel.

Leser:Gibt es bereits ein Zertifikat, das Franchise-Unternehmen eine nachhaltige Unternehmensführung bescheinigt?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Bellone FRANCHISE CONSULTING hat mit der Initiative Greenfranchising auch die Entwicklung des Green Franchise Awards geplant, der derzeit in Zusammenarbeit mit der Hochschule Nordwestschweiz, den Franchiseverbänden in der Schweiz und in Deutschland sowie weiteren Institutionen erarbeitet wird.

Leser:Können Sie in der Franchise-Wirtschaft Beispiele anführen, wie kulturelle Aspekte gezielt zur Bindung von Franchise-Nehmern und/oder Kunden eingesetzt werden?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Jedes Franchise-Unternehmen hat eine Kultur entwickelt, die den Boden bildet für Massnahmen zur Kundenansprache und Partnerintegration. Inwieweit solche Massnahmen auch eine genügend grosse Anzahl anspricht und längerfristig begeistert, hängt von der bereits genannten Glaubwürdigkeit und Nutzenorientierung des Konzeptes ab. Es ist die Liebe zum Detail, die z.B. Franchise-Unternehmen wie "Vom Fass" oder "L'OCCITANE" erfolgreich machen oder die Herausforderungen an sich selbst verbunden mit einem ausgeprägten Verantwortungsgefühl, die z.B. RENO so besonders machen.

Leser:Wie lässt sich nachhaltiges Handeln sinnvoll für Profilierungszwecke nutzen? Durch PR-Aktivitäten?

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Tue Gutes und rede darüber! Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Kunden hervorragende Projekte lancieren ohne darüber zu berichten. Gerade wenn es um nachhaltiges Handeln geht, dann kann es nur von Vorteil sein, quasi auch anderen Unternehmen zu zeigen, was möglich ist, wo man im Kleinen beginnen kann. Das hat nicht nur diese Vorbildfunktion, es wird auch von anderen Marktteilnehmern sehr begrüsst. Deswegen auch meine Idee der Interviews mit bekannten und neuen Franchise-Unternehmen mit nachhaltigem Ansatz, um mittels dieser zu zeigen, was sich alles am Markt bewegt. Im April wird es Mister Minit sein, der in unserer Greenfranchising Lounge zu Worte kommt.

Leser:Gibt es Franchise-Anbieter, den der faire Handel zwischen den reichen Ländern dieser Erde und den Entwicklungsländern ein wichtiges Anliegen ist? Das würde mich als Franchise-Nehmer besonders ansprechen.

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Ja, es gibt diese. Im Kosmetikbereich z.B. Life Resonance, die zur Herstellung diverse Projekte in verschiedenen Emerging Markets unterstützen. Ebenso Mammut, die über den Einkauf von Bio-Baumwolle bei der REMEI AG für ihre Outdoorbekleidung den fairen Handel unterstützen. Das sind nur zwei Beispiele von weiteren Franchise-Unternehmen, die entweder das gesamte Sortiment oder Teile davon auf Fair Trade-Basis einkaufen.

Prof. Veronika BelloneFrau Prof. Veronika Bellone:Liebe Chat-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer. Vielen Dank für den interessanten Chat. Ich wünsche Ihnen schöne Osterfeiertage. Herzlichst Ihre Veronika Bellone

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