12.11.2008

FranchisePORTAL exklusiv: Interview mit DFV-Geschäftsführer Torben L. Brodersen


„Wir tun gut daran, wenn wir uns noch stärker im Bereich Franchise-Nehmer-Vertretung engagieren“



Seit 2003 ist Torben Leif Brodersen Geschäftsführer des Deutschen Franchise-Verbands (DFV), der sich als zentraler Repräsentant und Qualitätsgemeinschaft der deutschen Franchise-Wirtschaft versteht. Im Exklusiv-Interview mit dem FranchisePORTAL äußert sich Torben L. Brodersen erstmals zu Plänen, ein eigenes Gremium für Franchise-Nehmer innerhalb des DFV zu schaffen.

FranchisePORTAL: Der DFV feiert in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen. Zeit für eine Bilanz: Welche Entwicklungen hat es in den letzten Jahren im Franchising gegeben?

Torben L. Brodersen
: In der generellen Entwicklung sehen wir, dass Franchising ein Zukunftsmodell ist. Kooperationen oder Netzwerke von Unternehmern werden an Bedeutung gewinnen. Generell werden vertikale Kooperationsstrukturen horizontale mehr und mehr ablösen. Diese Einschätzung teilen auch die meisten Wissenschaftler. Ein Grund dafür ist, dass vertikale Kooperationsstrukturen effizienter arbeiten können, weil sie eine klare Führung haben. Bei horizontalen Modellen wie Genossenschaften oder vielen Verbundgruppen gibt es zu viele, die bei grundlegenden Fragen, etwa der Unternehmensstrategie, mitreden. Das ist beim Franchising anders. Da gibt es eine Zentrale, die die Koordination übernimmt und leitet.


FranchisePORTAL
: Gab es in den vergangenen Jahren auch weniger Gutes?

Torben L. Brodersen
: Wenn, dann die Tatsache, dass es immer noch eine nicht geringe Anzahl von Franchise-Anbietern gibt, die es mit dem Franchising nicht so ernst nehmen und es damit auch in Misskredit bringen. Solche Anbieter haben es auf den schnellen Euro angelegt und vergeben schnell Lizenzen, ohne ein Franchise-System auf solide Beine zu stellen.


FranchisePORTAL
: Stichwort Finanzkrise. Wie sehen Sie die aktuelle Lage der Franchise-Wirtschaft?

Torben L. Brodersen
: Wir lesen ja derzeit in der Presse, dass Franchise-Systeme sagen: Die Finanzkrise trifft uns nicht und wir wachsen trotzdem. Ich glaube, dass wir alle noch gar nicht klar absehen können, welche Konsequenzen die Finanzkrise hat. Ende September gab es ein Treffen der Geschäftsführer der europäischen Franchise-Verbände in Zagreb. Da ging es auch um die Auswirkungen der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung und es wurde einstimmig berichtet, dass die Verbände dies spüren – unter anderem, wie bei uns auch, durch eine gewisse Fluktuation bei den Mitgliedern. In Deutschland weisen die ersten Anzeichen aus der Automobilindustrie jetzt schon auf Beeinträchtigungen des Arbeitsmarkts. Ob da die derzeitige vergleichsweise niedrige Arbeitslosenquote gehalten werden kann, ist fraglich.


FranchisePORTAL
: Das könnte ja durchaus zu mehr Nachfrage nach Franchise-Angeboten führen...

Torben L. Brodersen
: Darüber habe ich in letzter Zeit unter anderem mit dem Leiter einer großen Arbeitsagentur gesprochen. Er hat dies bestätigt. Ähnliches berichten auch die Industrie- und Handelskammern. In Zeiten wirtschaftlicher Prosperität scheinen vielen Menschen eine sichere Anstellung der Selbstständigkeit vorzuziehen. Insofern könnte aufgrund steigender Arbeitslosigkeit in den nächsten Monaten die Zahl der Franchise-Gründungen steigen.


FranchisePORTAL
: Wie schätzen Sie solche Notgründungen als Alternative zur Arbeitslosigkeit ein?

Torben L. Brodersen
: Existenzgründungen aus einer Wochenendlaune heraus sind sicher weniger hilfreich. Aber gerade Gründungen von ehemaligen Angestellten aus dem mittleren und höheren Management halte ich für gar nicht verkehrt, weil sie ja in der Regel gut qualifiziert sind und auch über das nötige Eigenkapital verfügen.


FranchisePORTAL
: Wie beurteilen Sie die Chancen deutscher Franchise-Geber international?

Torben L. Brodersen
: Gerade die angrenzenden Staaten Ost- und Mitteleuropas sind interessante Märkte mit hohem Potenzial. Dies gut zu organisieren, ist und bleibt die zentrale Frage bei der Internationalisierung. Wir haben dafür den Franchise Pool International initiiert, der hier auch Unterstützung bietet, zudem gibt es die internationale Vernetzung des DFV mit der European Franchise Federation und dem World Franchise Council. Ich bin selbst im Vorstand des EFF und wir treffen uns regelmäßig, um die Internationalisierung zu forcieren.


FranchisePORTAL
: Im Deutschen Franchise-Verband sind rund 200 von über 900 Franchise-Systemen in Deutschland organisiert. Wie haben sich Ihre Mitgliederzahlen in den letzten Jahren entwickelt?

Torben L. Brodersen
: Die Zahlen haben sich positiv entwickelt. Wir haben im Jahr unterm Strich zwischen acht und zwölf Prozent an neuen Systemen hinzugewonnen. Dieses Niveau wollen wir halten und am besten natürlich noch steigern.


FranchisePORTAL
: Ihr Verband vertritt derzeit etwas mehr als 20 Prozent aller Systeme und versteht sich dabei als zentraler Repräsentant der Franchise-Wirtschaft. Wären dafür nicht mehr Mitglieder nötig?

Torben L. Brodersen
: Nein, das zeigt auch der europäische Vergleich. Auch in Frankreich oder Großbritannien liegt der Anteil der im Franchise-Verband organisierten Systeme bei 25 bis 30 Prozent.


FranchisePORTAL
: Warum, glauben Sie, ist die DFV-Mitgliedschaft für immerhin 700 Systeme nicht interessant?

Torben L. Brodersen
: Ich glaube nicht, dass wir für die 700 nicht interessant sind. Andersherum formuliert: Wir haben ein Potenzial für einen Mitgliederanteil von 40 bis 45, vielleicht auch 50 Prozent der Franchise-Systeme. Es gibt vermutlich einfach viele Systeme, die generell keinen Verbänden beitreten und nicht auf mögliche Unterstützung im Bereich des Erfahrungsaustauschs oder Qualitätsmanagements zurückgreifen wollen. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Das muss man dann auch respektieren. Im Übrigen ist es auch so, das wahrscheinlich nicht alle 700 Systeme mit den Standards des DFV konform gehen.


FranchisePORTAL
: Der System-Check, das Gütesiegel des DFV, scheint sich immer mehr durchzusetzen. Welchen Rang hat das Siegel heute?

Torben L. Brodersen
: Ein großes Problem der Franchise-Wirtschaft ist, dass Existenzgründer nur in Grenzen auf objektives Informationsmaterial zurückgreifen können. Vor diesem Hintergrund ist es sehr wichtig, dass wir mit dem System-Check einen Beitrag dazu leisten. Damit bieten wir der Franchise-Wirtschaft auch ein Instrument der Selbstregulierung an. Ein Franchise-Gründer soll mit dem System-Check erkennen können, ob ein Franchise-System gewisse Standards erfüllt. Aber der System-Check soll auch ein Zeichen dafür sein, dass die Partnerschaft zwischen Franchise-Geber und -Nehmer gut geregelt sein muss, damit nicht die eine oder andere Seite benachteiligt wird. Ich halte nichts davon, generell den Franchise-Geber als Schwarzes Schaf hinzustellen, weil es sicher auch immer wieder Franchise-Nehmer gibt, die Böses im Schilde führen.


FranchisePORTAL
: Mit Im-Press Promotions musste im Frühjahr 2008 ein Franchise-System Insolvenz anmelden, das erst ein Jahr zuvor den System-Check bestanden hatte. Warum hat dieser hier nicht gegriffen?

Torben L. Brodersen
: Der System-Check prüft zwar auch die wirtschaftliche Situation der Systemzentrale über entsprechende Auskunfteien, wir können mit ihm aber nur in Grenzen beurteilen, ob innerhalb von zwölf Monaten eine wirtschaftliche Entwicklung eintritt, die zur Insolvenz führt. Wenn es sich so darstellt wie in dem genannten Fall, kann man möglicherweise Indizien erkennen. Aber zwölf Monate vorher war das hier nicht der Fall.


FranchisePORTAL
: Auch Franchise-Systeme, die assoziierte Mitglieder des DFV waren, mussten in der jüngeren Vergangenheit aufgeben. Besteht nicht die Gefahr, dass Franchise-Gründer auch die assoziierte Mitgliedschaft als eine Art „kleines DFV-Gütesiegel“ missverstehen?

Torben L. Brodersen
: Dass Franchise-Systeme aufgeben, bedeutet nicht, dass sie unseriös operieren oder als Schwarze Schafe zu betrachten sind. Da würden wir den assoziierten Mitgliedern, die jetzt aufgeben mussten, Unrecht tun. Ich finde es ehrlich und aufrichtig, wenn Franchise-Systeme sagen, wir haben unsere wirtschaftlichen Ziele nicht erreicht und stellen unser System ein. Die assoziierte Mitgliedschaft kommt einer Junior-Partnerschaft gleich. Assoziierte Franchise-Systeme bekennen sich zu den Grundsätzen des DFV, die im Ethik-Kodex definiert sind. Dabei müssen Franchise-Gründer wissen, dass assoziierte Mitglieder keinen umfangreichen System-Check, sondern nur eine Art ‚Prüfung light‘, vor allem des Franchise-Vertrags, durchlaufen haben. Aber auch diese Prüfung hat schon dazu geführt, dass Franchise-Systeme ihren Antrag zurückgezogen haben, nachdem sie unser Gutachten erhalten haben.


FranchisePORTAL
: Ist nicht auch der DFV-Slogan „Erfolgreich selbstständig. Mit Sicherheit.“ nicht etwas zu pauschal in seinem Anspruch?

Torben L. Brodersen
: Nein. Wenn Sie solche Claims formulieren, geraten Sie immer in die Verlegenheit, dass manche die Aussage für zu pauschal halten. Nehmen Sie z. B. die VW-Werbung, unter der steht „Das Auto". Das ist sicher an Pauschalität nicht zu überbieten. Ich glaube, dass Unternehmen und auch Verbände mit solchen Aussagen arbeiten müssen, damit man grundsätzlich erkennt, in welche Richtung es geht. Unser Claim wurde auch deswegen so formuliert, weil wir für Qualität im Franchising und für Systeme stehen, die Spielregeln einhalten. Und das bietet auch ein gewisses Maß an Sicherheit.


FranchisePORTAL
: Auch wenn es keine juristische Definition des Franchising gibt: Sollte der DFV zum Schutz von Franchise-Gründern nicht die Systeme eindeutig benennen, die eine bloße Geschäftsidee ohne Erprobung als Franchise-System verkaufen wollen?

Torben L. Brodersen
: Ich gebe Ihnen Recht, dass wir uns z. B. von Strukturvertrieben abgrenzen müssen. Aber wir werden keine Franchise-Systeme brandmarken, weil sie dies oder jenes tun. Das würde zu erheblichen juristischen Problemen führen. Wir gehen es andersherum an, indem wir sagen, Unternehmen, die sich uns angeschlossen haben, erfüllen unsere Standards.


FranchisePORTAL
: Was halten Sie von Forderungen nach einer verbesserten vorvertraglichen Aufklärung, etwa wie in den USA, um Franchise-Nehmer und seriöse Franchise-Geber besser zu schützen?
Torben L. Brodersen: Ich glaube, dass viele Systeme im Bereich der vorvertraglichen Aufklärung eine offene Flanke haben und diese nicht adäquat durchführen. Als DFV haben wir Richtlinien hierzu, die unsere Mitglieder befolgen sollen. Im Rahmen des System-Checks spielt die Überprüfung des Dokuments zur vorvertraglichen Aufklärung auch eine Rolle. Wir haben ja auch viel mit Gründern zu tun und machen 40 bis 50 Informationsveranstaltungen für Existenzgründer im Jahr. Ich kommuniziere dabei immer, dass der Franchise-Gründer im Gespräch mit dem Franchise-Geber das Wort „vorvertragliche Aufklärung“ in den Mund nehmen muss. Er muss wissen, dass der Franchise-Geber dieser Verpflichtung unterliegt und dass ihm als Gründer entsprechende Informationen zustehen.


FranchisePORTAL
: Haben Sie bereits neue Zielgruppen wie Migranten und die Generation 50plus im Blick, um der demografischen Entwicklung gerecht zu werden?

Torben L. Brodersen
: Menschen mit Migrationshintergrund haben oft eine viel stärke Motivation und zeigen oft größeres Engagement, ein Unternehmen zu gründen, als das bei Deutschen der Fall ist. Wir müssen diese Bevölkerungsgruppe stärker in unsere Bemühungen rücken, Franchising dort bekannter und populärer zu machen. Auch Menschen über 50 sind sehr interessant für uns. Hier gibt es bereits Gespräche mit entsprechenden Institutionen. Vor dem Hintergrund, dass es auch viele gibt, die zwar noch nicht 50 sind, aber vielleicht 46 oder 48 und es am Arbeitsmarkt zunehmend schwerer haben, müssen wir dort die Leute unbedingt ansprechen.


FranchisePORTAL
: Wie wollen Sie Franchising in der Öffentlichkeit weiter bekannt machen?

Torben L. Brodersen
: Es ist sehr wichtig, „an der Front“ zu sein, dort hinzugehen, wo sich mögliche Existenzgründer tummeln. Ich bin gespannt darauf, wie sich das Messegeschäft entwickeln wird, wie Messen in diesem Zusammenhang in Zukunft bewertet werden. Neben den Messen müssen wir aber auch andere Veranstaltungsformen finden, die vielleicht auch ein bisschen mehr inhaltlich bieten. Indem man zum Beispiel noch mehr Konferenzen durchführt, die stärker darauf abheben, Hintergrundinformationen zu liefern, Information auch komprimierter zu liefern. Hierzu führen wir schon Gespräche. Denn trotz der vielen Angebote im Internet kann das persönliche Aufeinandertreffen durch nichts ersetzt werden.


FranchisePORTAL
: Was halten Sie von einer eigenständigen Messe der deutschen Franchise-Wirtschaft?

Torben L. Brodersen
: Ich glaube, dass eine solche Messe nicht realisierbar ist. Die letzte Messe 2002 in Frankfurt hat gezeigt, dass nur wenige Franchise-Systeme – im Vergleich zu anderen Messen wie in London oder Paris – bereit sind, hier auszustellen. Es gab danach noch ein paar weitere Initiativen in diese Richtung, die aber auch keine Früchte getragen haben. In anderen Ländern sind solche Messen historisch gewachsen und zu Mega-Events geworden, das ist in Deutschland nicht der Fall. Im Gegenteil: Die Messen sind immer kleiner geworden und irgendwann ist diese Flamme dann auch erloschen. Daher hat man dann gesagt, dass die Präsenz auf regionalen Veranstaltungen sinnvoller ist, das ist ja auch unsere Prämisse.


FranchisePORTAL
: Der DFV wird weitgehend von Franchise-Gebern finanziert. Fehlt hier nicht eine Institution, die Ihrem Verband auf Augenhöhe begegnen kann und ausschließlich für die Interessen der Franchise-Nehmer eintritt?

Torben L. Brodersen
: Wir haben uns in den letzten Jahren stark in der Vertretung von Franchise-Nehmer-Interessen entwickelt. Auch im Tagesgeschäft haben wir sehr viel mit Franchise-Nehmern zu tun. Insofern können wir zu Recht in Anspruch nehmen, Franchise-Systeme als Einheit zu vertreten. Ich bin nicht der Auffassung, dass es eine eigene Institution nur für Franchise-Nehmer braucht, denn die Interessen von Franchise-Gebern und -Nehmern lassen sich nicht trennen, insofern repräsentiert der DFV die Interessen beider Seiten. Was ich nicht gelten lasse, ist die Behauptung, die Franchise-Geber zahlen die Beiträge und dafür ist der DFV dann ruhig. Gerade der System-Check belegt, dass Franchise-Nehmer-Interessen bei uns eine sehr große Rolle spielen und auch Einfluss haben auf die Mitgliedschaft der Franchise-Systeme. Denn die Franchise-Nehmer-Zufriedenheitsbefragung ist am Ende des Tages das entscheidende Kriterium für eine Mitgliedschaft. Wir tun allerdings in Zukunft gut daran, wenn wir uns im Bereich Franchise-Nehmer-Vertretung noch stärker engagieren. Das heißt, dass wir ein Gremium schaffen, innerhalb dessen sich Franchise-Nehmer auch engagieren können. Es gibt Planungen, dass der DFV schon sehr bald mit einer entsprechenden Pilotinstitution startet.


FranchisePORTAL
: Können Sie dabei auf Erfahrungen anderer Franchise-Verbände zurückgreifen?

Torben L. Brodersen
: Ja. Im Bereich der Franchise-Nehmer-Vertretung haben die Verbände in England und Frankreich schon Erfahrungen gesammelt, die für uns sehr interessant sind und uns Mut machen, die Integration der Franchise-Nehmer-Interessen auszubauen. In England gab es den Versuch, auch Franchise-Nehmer als Mitglieder des Franchise-Verbands zu gewinnen. Dies konnte nicht erreicht werden, weil für die Franchise-Nehmer nicht klar war, welchen Zweck eine solche Mitgliedschaft für sie hat. Unser Ziel ist es, dass Franchise-Nehmer für ihr tägliches Geschäft etwas mitnehmen. So macht es Sinn, Partner unterschiedlicher Franchise-Systeme miteinander zu vernetzen, so dass sie miteinander auch Geschäfte machen können. Dann könnte das, was auf Franchise-Geber-Ebene über die Plattform des DFV funktioniert, sich auch unter Franchise-Nehmern entwickeln.

 

12.11.2008 ©copyright FranchisePORTAL (mz)

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